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Windrad vor der Haustür – was bedeutet das für die regionale Wertschöpfung?

Rote Fahne im Wind

Wenn in einer Gemeinde ein Windpark entsteht, dreht sich die Diskussion meistens um Lärm, Schatten und Abstände. Seltener gefragt wird: Was bleibt eigentlich wirtschaftlich vor Ort? Wer verdient wirklich daran – und wer schaut zu?

Eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der IW Consult GmbH geht dieser Frage systematisch nach. Auftraggeber ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Das Ergebnis ist erhellend – und in mancher Hinsicht nüchtern.


10 Milliarden Euro. Aber wo genau?

Im Jahr 2023 haben Wind- und Solaranlagen in Deutschland direkte Wertschöpfungseffekte von rund 10 Milliarden Euro ausgelöst – durch Herstellung, Installation und Betrieb. Das klingt nach einer stattlichen Summe. Die entscheidende Folgefrage lautet jedoch: Wie viel davon bleibt tatsächlich in den Regionen, in denen die Anlagen stehen?

Die Studienautoren unterscheiden hier mehrere Szenarien. Im günstigsten, realistischen Fall – wenn man die Gewinne regional ansässiger Anlageneigentümer hinzuzählt – verbleiben rund 4,4 Milliarden Euro in den jeweiligen Standortregionen. Im Mindestszenario, also das, was mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf jeden Fall vor Ort bleibt, sind es knapp 2 Milliarden Euro. Der Rest fließt ab: an Hersteller, Installateure und Betreiber, die ihren Sitz anderswo haben.

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen den Technologien. Windenergieanlagen erzeugen bundesweit zwar den größten Anteil an Wertschöpfung, aber regional verbleibt davon vergleichsweise wenig – weil die Anlage selbst von spezialisierten Unternehmen errichtet und oft von überregionalen Betreibern geführt wird. Ganz anders bei Dachanlagen: Wer eine kleine Photovoltaikanlage installiert, beauftragt dafür in der Regel ein Unternehmen aus der Nachbarschaft. Die Wertschöpfung bleibt, wo die Rechnung ausgestellt wird.


Bis 2033 könnte sich das Bild deutlich verschieben

Die Studie blickt auch in die Zukunft. Wenn der Ausbau erneuerbarer Energien so voranschreitet wie geplant – also auf rund 140 Gigawatt Windkraft und 233 Gigawatt Photovoltaik bis 2033 – könnte die direkte Wertschöpfung bundesweit auf über 21 Milliarden Euro ansteigen. In den Standortregionen würden dann mindestens 8,6 Milliarden Euro verbleiben, im Szenario mit stabil hohem regionalem Eigentumsanteil sogar über 10 Milliarden Euro.

Das ist mehr als eine Verdoppelung gegenüber heute. Und der Grund liegt nicht nur im schieren Mengenwachstum: Je mehr Anlagen sich im laufenden Betrieb befinden – statt im Bau –, desto mehr Wertschöpfung entsteht durch Wartung, lokale Dienstleistungen und Pachtzahlungen. Der Betrieb ist regionaler als die Installation.


Was die Zahlen noch nicht zeigen

Neben der direkten Wertschöpfung analysiert die Studie sogenannte Spillover-Effekte – also wirtschaftliche Wirkungen, die über den Energiesektor hinausgehen. Das Ergebnis ist bemerkenswert: In den Landkreisen mit dem stärksten Windausbau lassen sich 7 Prozent des BIP-Wachstums der vergangenen zehn Jahre auf genau diesen Ausbau zurückführen. Bei den Spitzenreitern im Solarausbau sind es sogar 10 Prozent.

Plausible Erklärungen dafür gibt es mehrere. Zum einen siedeln sich technische Dienstleister an, die von der wachsenden EE-Infrastruktur profitieren. Zum anderen steigt die Attraktivität einer Region als Industriestandort, wenn verlässlich günstiger Grünstrom verfügbar ist – ein Faktor, der für energieintensive Unternehmen zunehmend relevant wird. Nicht der regionale Direktbezug ist dabei entscheidend, sondern der Grünstromanteil im gesamten Netz und vor allem: stabile, wettbewerbsfähige Preise mit langfristiger Planbarkeit, wie sie Power Purchase Agreements (PPAs) ermöglichen.

Auch auf die öffentliche Infrastruktur wirkt sich der EE-Ausbau aus. Mehr Gewerbesteuereinnahmen ermöglichen mehr kommunale Investitionen. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass in stark ausgebauten Kreisen sowohl die Kitaquoten gestiegen als auch Breitbandnetze ausgebaut wurden – wenngleich mit methodischen Einschränkungen, die die Autoren klar benennen.


Fünf Gemeinden zeigen, wie es gehen kann

Der vielleicht anschaulichste Teil der Studie ist der Blick auf fünf Beispielgemeinden: Dardesheim, Feldheim, Lichtenau, Wilstedt und Wunsiedel. Alle liegen im ländlichen Raum, alle waren in den 1990er und 2000er Jahren von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Abwanderung geprägt. Und alle haben den Ausbau Erneuerbarer Energien aktiv gestaltet – mit unterschiedlichen Ansätzen, aber ähnlichen Ergebnissen.

In Feldheim betreibt eine Gemeinde mit rund 130 Einwohnern ein eigenes lokales Energie- und Wärmenetz. In Lichtenau sind über 300 Bürgerinnen und Bürger direkt an einem Bürgerwindpark beteiligt, und die Stadtwerke subventionieren aus den EE-Einnahmen die Wasserversorgung für alle. In Wunsiedel hat der EE-Ausbau nach Aussage des Bürgermeisters die Bereitschaft privater Investoren von außen deutlich gesteigert.

Gewerbesteuereinnahmen, Pachteinnahmen, freiwillige Zahlungen der Betreiber nach § 6 EEG, Beteiligungen an Betreibergesellschaften, lokale Stromtarife: Die Kanäle, über die EE-Einnahmen in den Regionen bleiben können, sind vielfältig. Aber sie nutzen sich nicht von selbst. Es braucht kommunale Verwaltungen, die die Gestaltungsspielräume kennen und aktiv nutzen – und Betreiber, die zur Zusammenarbeit bereit sind.


Die Lücke zwischen Potenzial und Wirklichkeit

Hier liegt der kritische Punkt der Studie. Viele Kommunen schöpfen ihre Möglichkeiten noch nicht aus. Kommunale Flächen werden nicht systematisch für Pachteinnahmen genutzt, Beteiligungsangebote nach § 6 EEG werden nicht bei allen Anlagen eingefordert, und strukturschwache Gemeinden scheitern oft schon am fehlenden Know-how oder an mangelnden Ressourcen für eigene EE-Projekte.

Die Handlungsempfehlungen der Studie richten sich deshalb an zwei Ebenen. Auf der kommunalen Ebene geht es darum, Flächen gezielt einzusetzen, Beteiligungsmodelle zu verhandeln und Bürgerinnen und Bürger frühzeitig einzubinden. Auf der Bundes- und Landesebene werden unter anderem eine stärkere Förderung von Energieagenturen, vereinfachte Rahmenbedingungen für Energiegemeinschaften und eine bessere Beteiligung der Kommunen an Flächenentscheidungen empfohlen.


Was das für die Praxis bedeutet

Die Studie bestätigt, was in der Branche viele ahnen: Erneuerbare Energien schaffen wirtschaftliche Werte, aber diese Werte sind nicht automatisch regional. Ob ein Windrad oder ein Solarfeld tatsächlich zur lokalen Wirtschaft beiträgt, hängt von Eigentumsstrukturen, Vertragsgestaltung und kommunalem Engagement ab.

Für Windparkbetreiber und Projektierer bedeutet das auch: Die Frage nach der lokalen Teilhabe ist nicht mehr nur eine Frage des sozialen Friedens. Sie ist zunehmend auch eine regulatorische und wirtschaftliche Variable. Beteiligungsmodelle, die lokale Akzeptanz sichern, erleichtern Planung und Genehmigung – und stärken langfristig das Fundament, auf dem der weitere Ausbau steht.


Die Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien” wurde vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der IW Consult GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz erstellt (Fassung vom 27. Februar 2026).

https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/staerkung-der-regionalen-wertschoepfung-durch-erneuerbare-energien.pdf?__blob=publicationFile&v=2

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